Raketenwissenschaft Kamerakauf

EINLEITUNG

Für viele ist der Kamerakauf ein Buch mit sieben Siegeln. Oder eben Raketenwissenschaft. Die Hersteller erschlagen sich gegenseitig mit mehr und noch mehr Modellen, damit jedes Bedürfnis abgeholt wird. Gehst du in ein Fachgeschäft und äusserst den Wunsch nach einer neuen Kamera, wird der Verkäufer im ersten Moment genauso ratlos sein wie du. Erst wenn du deine Bedürfnisse beim Fotografieren nennst, wird der Verkäufer Produkte ausschliessen können und dir dann eine entsprechende Lösung präsentieren. In meinen Augen gibt es zwei Arten von Kamerakäufern, fast wie beim Autokauf. Die einen kaufen genau das, was sie brauchen zum optimalen Preis. Vier Räder, ein Lenkrad. Grosser oder kleiner Kofferraum und Schiebetüren. Die andere Art möchte gerne diesen tollen, blauen Lack, der im Sonnenlicht besonders schön glänzt. Dann wäre ein Becherhalter super. Oder Zwei. Die Rücksitze bitte in Teilleder mit diesem tollen Muster in der Mitte. Genauso verhält es sich beim Kamerakauf. Die einen wissen, sie fotografieren vor allem Vögel. Eine APS-C Kamera mit schnellem Serienbildmodus, ein 100-400mm Telezoom-Objektiv und ebenfalls sehr schnelle Speicherkarten. Eine Tasche, ein leichtes aber stabiles Stativ und eine entsprechende Tasche. Die andere Art – zu welcher ich gehöre - schiessen nicht vor allem nur ein Motiv. Zoomen wäre gut. Am Event mit Musiker auf der Bühne. Der Geburtstag der Tante im Partykeller mit schlechtem Licht. Eine offene Blende also. Serienbilder beim Spielen mit dem Hund draussen. Kamera nicht zu klein, sonst wissen die grossen Hände nicht wie halten. Ach und ich mag auch Kameras, die mir optisch gefallen. Kein Scherz. Dass ich nicht der Einzige bin, dem das wichtig ist, beweist die Tatsache, dass Kamerahersteller Retrodesigns anbieten, verschiedenen Farben und unterschiedliche Modelle, die teilweise fast dasselbe können.

Isabelle nutzt das Schwenkdisplay der Canon 70D für die Frosch-Perspektive

Isabelle nutzt das Schwenkdisplay der Canon 70D für die Frosch-Perspektive


MARKEN

Warum Canon, warum Nikon. Sony? Grundsätzlich kann man sagen, dass man meistens bei der Marke bleibt, von der man die erste Kamera in den Händen gehalten hat. Ich hatte vor 15 Jahren Sony Bridge-Kameras und durfte dann eine Canon Spiegelreflex ausprobieren. Kurz darauf habe ich mir eine Canon EOS 350D gekauft. Bei vielen anderen höre ich ähnliche Geschichten. Bediene ich heute eine Nikon, habe ich oft ein wenig Mühe, ich bin mir die Knopfanordnung und Menüstruktur von Canon sehr gewöhnt. Genauso geht es dem Nikon-Nutzer, wenn er eine Canon-Kamera in die Hand nimmt. Der Mensch gewöhnt sich schnell an einen Ablauf oder Vorgang. Genauso schnell gewöhnt man sich aber auch um. Die Marke gehört für mich in die Kategorie Kosmetik und Optik. Fotografierst du allerlei und steigst in die Fotografie ein, benötigst du erst einmal eine Kamera, um zu merken, worauf du wert legst. Du wirst kaum schon beim Einsteigen in das Thema wissen, dass du unbedingt eine Möglichkeit für einen Batteriegriff benötigst und der Filmaufnahme-Knopf viel nutzt, weshalb er an einer ergonomischen Stelle sein sollte. Das sind Dinge, die man mit dem Fotografieren erst bemerkt.


TECHNOLOGIE

Spiegellos gegen Spiegelreflex ist heute ein grosses Thema. Spiegellos nennt man auch gerne Systemkameras. Vor einigen Jahren waren Systemkameras Produkte ohne Wechselobjektive. Ich habe mit einer solchen vor 15 Jahren den Einstieg in die Fotografie gemacht. Damals war die Sony F828 mit ihrem Preisschild von fast 1000 CHF ein Top-Produkt unterhalb den Spiegelreflexkameras. Heute mischt Sony mit spiegellosen Systemkameras den Markt auf. Das ist gut, den Konkurrenz und Vielfalt lockern den teilweise starren Markt auf. Canon und Nikon müssen wieder Innovation zeigen und können sich nicht auf ihrem Thron ausruhen. Jedes System hat seine Vorteile. Grundsätzlich findet man Sensoren in den Kategorien Vollformat, APS-C und Micro-Four-Thirds. Premium Kompaktkameras wie die RX100 haben meistens einen 1 Zoll Sensor. Wer eine Weile mit einer Kamera fotografiert und bemerkt, dass ihm das Freistellen von Gesichtern ein Anliegen ist, wird dies entsprechend beim Beratungsgespräch im Fotofachgeschäft so nennen können und man wird demjenigen dann vermutlich eine Spiegelreflex - oder Spiegellose Kamera empfehlen. Micro-Four-Thirds eignet sich gemäss Berichten im Netz nicht so gut zum Freistellen, das habe ich aber bisher nicht selber ausprobiert. Panasonic fährt in den bekannten Lumix GH4 und GH5 mit M43 (Micro-Four-Thirds Abkürzung, clever oder?) Sensoren. Diese werden oft zum Filmen genutzt. Bei DSLR’s (Spiegelreflex) gibt’s APS-C und Vollformat. Wobei dasselbe Objektiv mit Blende f1.4 eine noch eindrücklichere Freistellung an Vollformat als an APS-C schafft. Hierbei wichtig. Das Objektiv spielt die gleichgrosse Rolle bei den Wünschen in der Fotografie. Natürlich ist Serienbildgeschwindigkeit eine Sache des Bodys. Trotzdem stellt das Objektiv den Autofokusmotor zur Verfügung. Eine schnelle Serienbildgeschwindigkeit nützt also nur so viel, wie der Autofokusmotor zu leisten vermag. Wenn dann 8 Bilder pro Sekunde im Kasten sind, aber unscharf, dann ist damit niemand glücklich. Grundsätzlich kann man auch hier sagen: Euer fotografisches Bedürfnis entscheidet über die Technologie. Grundsätzlich kann ich meine Hochzeiten mit einer spiegellosen Sony, einer Spiegelreflex Nikon oder auch einer Fujifilm Kamera schiessen. Wichtig dabei ist, was vorne an die Kamera kommt oder dran ist. Und dann natürlich Dinge wie Handling, Speicherkartenkompatibilität, Zubehörverfügbarkeit und so weiter.


WECHSELOBJEKTIVE

Ich habe es bereits angetönt, Objektive sind – für mich – genauso wichtig wie Kamerabodys. Bei der Anmeldung an einen meiner Fotokurse, frage ich nach deiner Kamera. Damit ich weiss, ob du einen manuellen Modus hast. Ich frage nicht nach dem Objektiv. Ich erwarte das Kit-Objektiv, meistens irgendwas um 18-55mm mit Stabilisator und Blende 3.5 – 5.6. Die Lichtmenge verringert sich also beim Zoomen negativ. Meistens haben die Teilnehmer dann noch das 55-250mm Tele dazu im Rucksack. Das ist ein prima Starterpack. Ich wähle dann meist die 35mm Festbrennweite mit Blende 1.4. So bekommt man ein Gefühl dafür, was von f3.5 zu f1.4 lichttechnisch auf dem Foto passiert. Und man versteht dann auch, wieso das 35mm f1.4 CHF 700 kostet, also rund dreimal so teuer ist, wie das Kit-Objektiv, mit welchem man Zoomen kann und welches einen Stabilisator drin hat. Ich habe zudem lang mit Bodys fotografiert, die 2-3 Generationen älter waren und die ich Occasion gekauft habe. Die Objektive, die ich daran genutzt habe, waren dann meist teurer als der Body. Den Fotos sieht man die Gebrauchtbodys nicht an. Es ist also sehr sinnvoll, Geld für die Objektive einzuplanen.

Ladina holt mit dem Canon 55-200mm Telezoom die Blätter über ihr nah ran

Ladina holt mit dem Canon 55-200mm Telezoom die Blätter über ihr nah ran


ZUBEHÖR

Beim Zubehör gilt eine einfache Devise: Ein zweiter Akku. Zwei Speicherkarten und eine Tasche. Natürlich kann ich jetzt zu jedem dieser Punkte einen eigenen Blogartikel verfassen. Das werde ich auch machen. Aber als Starterpaket braucht ihr Grundsätzlich nur die Kamera mit einer Speicherkarte. Da ihr die Kamera aber nach dem Kauf sicher bald einmal mitnehmen wollt, ist eine Tasche und ein zweiter Akku sehr sinnvoll. Kürzlich war ein Akku an einem meiner Kurse nach 3,5h leer. Es soll nicht am Strom scheitern. Es benötigt auch nicht immer einen Original-Akku. Aber auch bei Drittanbieterprodukten gibt es Qualitätsunterschiede. Weiterführend bestelle ich bei jedem Objektiv einen UV-Schutzfilter dazu. Ich achte auch kleinlich darauf, dass eine Gegenlichtblende dabei ist. Das Front-Glas eines Objektivs ist die empfindlichste Stelle an eurer Kamera. Es ist meistens am weitesten Weg von eurem Körper und am nächsten zu anderen Objekten, die es zerkratzen könnten. Deshalb kommt der UV-Filter drauf, der primär das Front-Glas des Objektivs schützen soll. Die Gegenlichtblende geht als erstes kaputt, wenn man mit dem Objektiv irgendwo gegenstösst. Eine Gegenlichtblende zu ersetzen kostet viel weniger, als ein ganzes Objektiv. Aber ab hier kommt dann auch der subjektive Bedarf zum Tragen.


FAZIT

Mein Text wird euch den Kauf einer Kamera nicht direkt vereinfachen. Eine Hauptaussage ist, lasst euch beraten und kauft eure Kamera dann auch dort, wo ihr gut beraten wurdet. Wenn ich zum Kamerakauf gefragt werde, fliesst immer auch mein persönlicher Geschmack in die Empfehlung ein. Als Canon User habe ich aber trotzdem auch schon Nikon Produkte empfohlen, da oftmals ähnliche Produkte wie von anderen Marken vorhanden sind. Natürlich kenne ich die Finessen von spezifischen Objektiven oder Bodys dann nicht, aber das sind Dinge, die man als Besitzer dann nach einigen Wochen Nutzung feststellt und auf die man beim nächsten Kauf dann Wert legt. Wie beim Autokauf. Beim ersten Auto spielt der Preis eine grosse Rolle. Trotzdem soll der Sicherheitsstandard nicht zu tief sein. Ein Auto später weiss man, dass man gerne einen Tempomat möchte und vielleicht doch lieber einen Dieselmotor. Und einen grossen Kofferraum. Solltet ihr also unsicher beim Kamerakauf sein, fragt. Fragt euren Verkäufer, das Internet, Foren, Facebook oder mich. Da draussen sind viele Menschen, die die Fotografie als Hobby teilen. Wichtig ist, dass das Fotografieren im Vordergrund steht. Deshalb hat auch das Fotografieren mit dem Smartphone in den letzten Monaten viele Fans gewonnen. Die Kamera, die man dabei hat, macht die schönsten Bilder.

Gegenlichtaufnahme mit dem iPhone 7 Plus im Stade de Suisse in Bern

Gegenlichtaufnahme mit dem iPhone 7 Plus im Stade de Suisse in Bern